Wieder ein schöner Sommerurlaub in Deutsch-Weißkirch

Es geht weiter

Als Sommersachsen, zu denen wir uns inzwischen zählen, planen wir, Johann und ich, zumindest eine Urlaubszeit im Jahr in der alten Heimat Siebenbürgen in Deutsch-Weißkirch. Es bereitet uns nach wie vor Freude, in Haus, Hof und im Garten kreativ zu arbeiten, so wie wir es mit Edi während seinen letzten zehn Jahren fast jeden Sommer gern taten. Johann und ich setzen seine Vorhaben seit 2019 fort. Viel hatte er noch vor, viel wollte er noch umsetzen an Renovierungs- und Umgestaltungsarbeiten im Haus, im Hof und im Garten, leider war ihm das nicht vergönnt. Wir glauben fest daran, dass er über unseren Einsatz auf eine andere Art und Weise mit uns weiter lebt. Fast jeden Abend setze ich mich vors Haus auf die Bank unter den Birnbaum, so wie ich es mit Edi auch gern tat und tausche mit den Nachbarn und alten Bekannten Gedanken aus und begrüße die Kuhherde auf ihrem Heimweg von der Weide. Es ist in den warmen Jahreszeiten allabendlich ein besonderes Dorfritual in Deutsch-Weisskirch geblieben, dass die Kuhherde, die paar Büffel dazwischen und die Ziegenschar meist vorne weg, die Hauptstrasse zur Burg hoch nach Hause trabt. Wir wünschen uns, dies noch viele Jahre erleben zu dürfen.

Im Haus Nr 160, Colligere1841

Über zwanzig Jahre lang stand unser Haus, Hof und der große Garten hinter der Scheune in Deutsch-Weisskirch mehr oder weniger von der Familie verlassen und vereinsamt. Um uns das wieder erworbene Sommernest nachhaltig, gemütlich und bewohnbar herzurichten, holte Edi und ich uns Unterstützung und Hilfe von guten Freunden und erfahrenen Fachleuten. Nicht alles, was der Zahn der Zeit und die Gewalt der Natur am Gebäude, im Hof und Garten so grundlegend verändert hatte, hätten wir aus eigener Kraft so wunderbar herrichten können, wie es jetzt da steht. Die alte Stube wurde geputzt, gestrichen und wieder wohnlich für uns oder unsere Gäste eingerichtet, in der ehemaligen Schleuderkammer (1989 wurde da noch Honig geschleudert) hat der Dorfschreiner eine Sommerküche eingebaut, die Schreinerei Werkstatt des Schwiegervaters haben wir in ein geräumiges Musikzimmer umbauen lassen und die ehemalige Streichkammer (Trockenkammer für Fensterrahmen und Türen) wurde in ein liebevolles zweites Gästezimmer mit Bad für enge Familienmitglieder ausgebaut. Zwischen den zwei einzigartigen Bienenhäuser haben wir uns einen gemütlichen Terrassenplatz angelegt. In den 1940er Jahren hat mein Schwiegervater diese zwei großartigen Holzhäuser für seine zahlreiche Bienenvölker gemeistert. Sie sind beide sehr gut erhalten geblieben und wir haben sie nach kleinen Sanierungsarbeiten in schöne Räume für Werkzeug bzw. Gartengeräte umfunktioniert. Einmal in Schwung geraten mit dem Planen und den vielen Renovierungsarbeiten in Haus und Hof, war Edi nicht mehr zu bremsen. Er schuf uns auf seinem Elternhof mit einfallsreichem und großem Geschick als auch mit viel Bedachtsamkeit und großer Geduld einen besonderen Ort des Rückzuges und der Erholung. Das Projekt Scheune und Garten stand noch an. Diesen Teil haben Johann und ich übernommen. So oft es uns möglich sein wird, fahren wir sehr gerne hin. Deutsch-Weisskirch gehört zum Weltkulturerbe. Es ist ein Dorf, in dem es nur auf den ersten Blick so scheint, als wäre die Zeit stehen geblieben. Ist sie aber nicht. Auch dort haben sich die Zeiten in vielerlei Hinsichten verändert und das Leben der Dorfbewohner ist ein anderes geworden, als es noch vor dem großen Exodus der Siebenbürger war. Für uns und für ganz viele Gäste auch aus fremden Ländern, ist Deutsch-Weisskirch eine Oase der Entschleunigung vom hektischen Leben aus Stadt und der täglichen Arbeitswelt geworden. Man kann hier schnell Teil einer Gemeinschaft werden. Es ist aber auch ein Ort, wo vorwiegend im Sommer ein recht reiches kulturelles Leben stattfindet.

Unterwegs

Im letzten Juli war es dann endlich soweit. Der Caddy war schnell gepackt, wie alle Jahre wieder voll bis obenan. Nach wie vor stand für uns fest, dass die Fahrt von 1700 km nicht in Frage kam, da wir beide keine so erfahrene und erprobte Autofahrer sind. Wir planten von Anbeginn einen zweieinhalbtägigen Aufenthalt in Wien und eine Übernachtung in Temeschwar. In Wien besuchten wir im letzten Sommer das Belvedere Museums, aßen im Palmenhaus den obligatorischen Wienerschnitzel und ließen uns in einer „Sissikutsche“ mit Führung im Wiener Dialekt, Sehenswürdigkeiten in der Innenstadt zeigen. Wien ist immer eine Reise wert. In diesem Sommer wollten wir andere Sehenswürdigkeiten dieser wunderbaren Stadt entdecken und in ihren charmanten Flair für zwei Tage eintauchen. Allerdings wollten wir es uns diesmal nicht nehmen lassen, ein paar Kilometer vor Wien, alte Bekannte zu besuchen. Heike (Enkelin von Fritzoma) und Christian empfingen uns mit großer Freude. Sie haben sich in Langenlois ein kleines Paradies geschaffen. Rund um ihr Haus schufen sie sich einen bezaubernden Garten, voller Blumen, unendlich vieler Kräuter, umringt von Bäumen und ein paar Weinstöcken. Einfach himmlisch. Beindruckend ist der Steingarten hinter dem Haus mit ein paar versteckten Plätzchen zum Entspannen, zum Träumen und zum Lesen oder Plaudern. Bei Kaffee und Kuchen erzählten wir uns unter dem herrlichen Schatten einer alten Linde die letzten Neuigkeiten und verbrachten ein paar gemütliche Stündchen miteinander. Wegen etwas beschwerlichen Grenzübergängen standen wir lange in Staus, eine Tatsache, die wir coronabedingt in Kauf nehmen mussten. Nach strapaziöser Fahrt und recht erschöpft kamen wir im Hotel Stern/ Temeschwar zu sehr später Stunde an. Schon beim Gang vom Hotel zu einer Pizzeria am Platz der Einheit kündigte sich ein heftiges Gewitter an. In nur kurzer Zeit vertrieb Regen und Sturm die Menschenmenge von den einladenden Restaurantterrassen und uns natürlich mit. Um so schöner war dann das Frühstück am nächsten Morgen auf einer der sonnigen Terrassen am Platz der Freiheit. Unser eigentliches Reiseziel allerdings lag noch ca 500km weit weg und Stunden zum Verweilen hatten wir leider nicht. Vergessen sind allerdings die Zeiten, wo man durch Rumänien auf schlechten Straßen und über die Dörfer fahren muss. Über die Autobahn gelangt man heutzutage recht schnell bis Hermannstadt und dann über gute Bundesstraßen entweder über Mediasch/Schäßburg oder Fogarasch/Reps nach Weisskirch. Für uns ist der zweite Weg immer der schönere Weg. Dennoch entschieden wir uns für die Fahrt über Mediasch und Schäßburg, allein schon wegen den Lebensmitteleinkäufen im Kaufland. Der Aufenthalt in Deutsch-Weisskirch war nämlich bis Ende August geplant und Kühlschrank und Küchenregale sollten mit Grundnahrungsmitteln gut versorgt sein. Am vierten Tage unserer Reise wurden wir von Claudiu und Elena und den Töchtern mit einem köstlichen Essen und bester Laune im Sommerrevier vor dem Sommerkamin empfangen. Wir waren zweifelsfrei zu Hause, als Claudiu uns mit dem Schnapsglas zuprostete und sagte: Bine ati venit acasa! Willkommen zu Hause!

Am Urlaubsziel

Es folgten sechs entspannte und von Freude gesegnete Wochen in vertrauter Umgebung. Ein tägliches Beisammenseins bei Kaffee und Kuchen und bei vielen gemeinsamen Abendessen mit Nachbarn und Freunden gehörte selbstverständlich dazu. Eigentlich war ja unser Vorsatz, langsam den Tag angehen, lesen, erzählen, musizieren und viel spazieren gehen. Viel war im Herbst 2020 und Frühjahr 2021 diesmal vor allem hinter der bereits renovierten Scheune passiert, während wir nicht da waren. Eine Begutachtung der Arbeiten, die Claudiu erledigt hatte, stand an. Ein neuer stabiler Zaun umgrenzt jetzt die neu angelegte Obstwiese. Eine Gartenterrasse im Anschluss an die Scheune steht uns zur Verfügung. Auch hier können wir und unsere Gäste nun in gemütlicher Runde oder in den Hängematten die frische Luft des Ortes genießen mit herrlichem Blick auf die jungen Obstbäume und die wunderschöne grüne Wiese. Noch letztes Jahr hatten wir extrem viel Zeit, jedes Eck im Haus, Hof und Garten zu inspizieren und auf uns wirken lassen. Wir konnten damals weitere Pläne im Hinblick auf den Garten schmieden. Corona bedingt fielen die Haferland Festtage damals ganz aus und auch sonstige Feiern und Ausflüge in die Umgebung waren nur bedingt möglich. Wir zogen uns in unser „Gehöf“ zurück. Wir hatten viel Zeit, auch den neugewonnen Platz in der renovierten Scheune auf uns wirken zu lassen und interessante Verwendungszwecke eines solchen Raumes abzuwägen. Auch viele Plätze im Hof entlang von Zäunen und Mauern, welche wir bereits im Sommer 2019 bepflanzt hatten, konnten wir wachsen sehen. Sie sind bis Sommer 21 tatsächlich weiter gewachsen und gedeihen sichtlich. Das war ein sehr erfreulicher Anblick, den wir im Sommer erleben durften. Beim Durchstöbern der unaufgeräumten hinteren Ecken im Schuppen tauchten bereits 2020 noch Teile von alten Gartengeräten und Werkzeugstücke aus der aufgelösten Schreinerei des Schwiegervaters auf. Auch alte Fenster- und Türrahmen fanden wir zwischen den abgestellten Holzteilen und freuten uns, dass Nachbar Claudiu sie für seinen neuen Kuhstall verwenden wollte. Sorgfältig hatten wir die alten Stücke gereinigt und damit die Wände im Schuppen vor dem Sommerkamin ausgeschmückt. Nun aber war wieder fast ein Jahr vergangen. Viel war im Garten passiert. Es war sehr schön und tief beindruckend, die Wiese in vollem Grün zu erleben und die jungen Obstbäume wachsen zu sehen.

Konzerte

Die ersten paar verregneten Tage mit vereinzelten Gewittern war eine gute Zeit, uns auf unseren Auftritt im Rahmen der diesjährigen Haferlandtage einzustimmen. Am 30. Juli war es soweit, dass wir 16:00 Uhr unsere Gäste empfangen durften. Bereits einen guten Monat zuvor bekam ich die Musikstücke zum Anhören und traf dann die Wahl der lyrischen Gedichte, die meiner Meinung nach, zu Johanns Musikstücken passten. Den Auftakt machte Johann mit einem noch unbekannten Klavierstück von Wolfgang A. Mozarts (1756–1791) Allegro, D-Dur KV 626b. Dazu las ich das Gedicht aus dem Band „Transitschatten“, von Dagmar Dusil „Mathematik“ vor. Es ist eine interessante mathematische Rezeptur für einen gelungenen Lebensweg. Die beeindruckenden Klänge der Etude-Tableaux, Op. 33 in d-moll von Sergei Rachmaninoff (1873–1945) begleitete ich mit den nachdenklichen Worten von Frieder Schuller aus dem Gedicht: „siebenbürgische wiegenlieder für schlaflose 1978“. Ich fand es in seinem Gedichtband „mein vaterland ging auf den roten strich“. Gerade dieses Gedicht, welches ich selber auch sehr schätze, berührte viele unserer Gäste und gab Anlass zu regen Gesprächen. Die Zeit 1978, die vielen noch in den Knochen liegt, war der Beginn des großen Exodus der Siebenbürger Sachsen. Frieder Schuller fängt diese unruhige Aufbruchstimmung in treffenden Metaphern ein. Bei allem Wohlstand und dem Wohlbefinden, welchen wir Siebenbürger in Deutschland erlangt haben, gibt es den einen großen Wermutstropfen — die verlassene Heimat. Diese Gedanken beschäftigen F. Schuller bereits 1978. Zu dem sensiblen Stück von C. W. Gluck (1714–1787) passte die dramatische Liebesgeschichte von Erich Kästner „ Abschied in der Vorstadt“ aus seinem Band „Die Zeit fährt Auto“ hervorragend. Zur Sonetto 123 de Petrarca von Franz Liszt (1811–1886) trug ich ein paar emotionale Verse des italienischen Renaissance Dichters Petrarca vor. Mit dem bezaubernden Stück von Maurice Ravel (1875–1937) „Une barque sur l’ Ocean” (ein Boot auf dem Meer) versetzte uns der Pianist in ein sanftes Dahingleiten/-treiben auf Meereswellen. Die Klavierinterpretation war ein Hochgenuss für Liebhaber der klassischen Musik und brachte Johann ganz viele anerkennende Worte ein. Im Kontrast dazu rezitierte ich ein paar kritische Worte mit dem Gedicht „Im Auto übers Land“ aus dem oben genannten Band von Erich Kästner. Kästner muss Ähnliches erlebt haben, wie jeden Sommer unser schönes Deutsch-Weißkirch jedes Wochenende erleben muss. Städter von nah und fern schwingen sich in ihre Autos und belagern ein Dorf und das meist nur um zu speisen und zum Zeitvertreib. Abschliessend zu unserer Vorstellung möchte ich erwähnen, dass unsere Gäste sich sehr berührt und dankbar für die besondere Stimmung, die Johann mit seiner Musik und ich mit meinen Gedichten geschaffen hatten. Wir boten den interessierten Gästen bei einem Glas Wasser und Knabberzeug Zeit zu Nachgesprächen und die Möglichkeit, unseren Hof und den neu angelegten Garten zu besichtigen. In der Siebenbürger Zeitung, auf FaceBook und in vielen verschiedenen Publikationen konnte jeder, der es wünschte, den Verlauf der diesjährigen Haferlandfeste im Repser Ländchen nachlesen. Es war wieder ein großer Erfolg und bot für jeden Geschmack und für jedes Alter eine Fülle von guten bis großartigen Programmpunkten. Leider konnten wir beim besten Willen nur an einem geringen Teil der vielfältigen und teils wirklich großartigen Darbietungen teilnehmen. An dem diesjährigen Haferland-Wochenende fanden ganz viele Auftritte gleichzeitig statt. Schade, schade, schade!

Zeit nach dem Konzert

Im August erlebten wir eine Hitzewelle mit Temperaturen von 30–36 Grad. Der große Vorteil dabei war für uns, dass die sehr angenehmen Temperaturen abends und spät nachts es uns ermöglichten, häufig die Außenanlagen in gemütlichen Gesprächsrunden mit Freunden geniessen zu können. Dazu will ich nur drei wunderbare Bespiele erwähnen:

Nach dem zweiten Konzert im Musikzimmer vom 10. August, luden die beiden Musiker Johann und Sebastiaan van der Bergh (beide Dozenten an der Musikschule in Houten Niederlande) zu einem klassischen Sommerkonzert für Klavier und Cello ein. Für das anschließende Grillfest unter freiem Himmel schürte Claudiu den Grill an, Elena und ich deckten den grossen Tisch mitten im Hof und die Gäste beteiligte sich mit verschiedenen Salaten und Kuchen.

Es war ein spontanes und sehr nettes Sommerfest. Auch an dem Abend ging uns der Gesprächsstoff nicht aus. Einige von uns setzten begonnene Gespräche fort, andere lernten sich in Gesprächen besser kennen und wieder andere tauschten Erinnerungen vergangener Zeit aus. Es war ein wunderschöner und unvergesslicher Abend.

Eine besondere musikalische Zugabe gönnte an einem der nächsten Abende der Cellist Sebastiaan Nachbars Kühen. Wegen den großen Hitzen ließ Claudiu seine Kühe, nach dem er sie gemolken hatte, jeden Abend im Garten übernachten. Johann und Sebastiaan kamen auf die gute Idee, die Musikalität der Tiere und deren Reaktion auf Melodien zu überprüfen, nachdem sie die Akustik in der leeren Scheune ausprobiert hatten. Stefan und Irina waren auf ein Glas Wein vorbei gekommen. Wir begleiteten die experimentierfreudigen Musikerfreunde in den Garten und blieben ganz ruhig hinter ihnen stehen. Die Kühe standen noch im hohen Gras und kauten langsam ihre Malzeit klein. Die Kälber hatten es sich bereits vor unserem Zaun im hohen Gras gemütlich gemacht. Als Sebastian seine zarten Abendmelodien begann, erstarrten die alten und jungen Wiederkäuer. Die Melodie klang so bezaubernd und hüllte die Gärten links und rechts in eine traumhafte Atmosphäre ein. Die Braungefleckte drüben hob den Kopf zur Musikquelle und guckte verwundert rüber, wie nur Kühe gucken können. Die Schwarzgefleckte unterbrach das Kauen und guckte irritiert nach vorne. Die Kälber wendeten ungläubig ihre Kopfe zu uns und wedelten mit den Ohren. Sebastiaan spielte das Wiegenlied von Brahms rauf und runter und alle waren tief berührt. Ich hatte im Blickfeld auch die Spitze der Weisskircher Burg über den Scheunendächern und wünschte mir für ein paar Augenblicke, die Zeit anhalten zu können. Solche erhabene Momente erlebt man nicht allzu oft.

An einem nächsten lauen Sommerabend lud uns Irina und Stefan in ihr erworbenes Heim gegenüber der Dorfkneipe ein. Es ist der ehemalige Falschüsselhof. Nach einer Führung durch die liebenswert eingerichteten Wohnräume der beiden jungen Leute, machten wir einen Spaziergang über den Hof, durch die Scheune und in den hinteren Teil des Gartens bis hin zum obersten Zaun. Nie vorher bin ich da gesessen. Es ist ein sehr einladender Platz im Garten unter natürlich gewachsenen Sträuchern und Bäumen mit wunderbarer freien Sicht auf die Kirchgasse. Vorne sah man die alte Schule und hinten in der Abenddämmerung erhob sich die alte Burg. Hier breiteten die Gastgeber eine Picknickdecke aus und auch schon saßen wir in einer angenehmen Runde und nippten am Gläschen Sekt. Die jungen Leute unterhielten sich über Gott und die Welt. Meine Gedanken schwebten wiedermal in die Vergangenheit. Gern erinnere ich mich an die Tage, wo ich da als ganz junge Frau meine ersten Erfahrungen meiner Lehrerinnenlaufbahn machte. Es war für mich ein wundervoller Anfang in eine lange Arbeitszeit. Später erzählte ich den jungen Leuten auch von der Lebensgeschichte meines Schwagers Hans Markel, nämlich wie er täglich dieses Stück Garten sogar zweimal am Tag und bei Wind und Wetter hoch und runter marschierte um zu seinem Arbeitsstall oben in der Farm zum Melken zu gelangen. Wir bewunderten alle miteinander in Gedanken dieses Arbeitsleben eines Menschen, der bald seinen 94ten Geburtstag feiern sollte. Was für eine Fügung: in dieser Nacht, es war der dreizehnte August durfte Hans in Nürnberg ruhig und für immer einschlafen.

Ein „Einkauf“-Spaziergang durch Deutsch-Weißkirch | August 2021

Da Johanns Flügel in großer Reparatur stand und nicht bespielbar war, fand er Zeit mit mir durch den Ort zu laufen und ein paar Einkäufe zu besorgen. Es war an einem Nachmittag ca eine Woche vor unserer Rückreise. Wir wollten selber uns einige Lebensmitteln direkt vom Hersteller aus Deutsch-Weißirch besorgen.

Der Einkauf begann ganz oben in der Hauptstrasse Haus Nr. 123. Hier wohnt die Familie Ludu Nelu. Die große Ziegenschar, die täglich an der Spitze der Kuhherde das Dorf hochmäckert, gehört ihnen. Wir kauften bei Frau Ludu ein Pfund Ziegenkäse und mehrere Gläser von der scharfen Paprikamarmelade. Aus ihrem Schaukasten wählten wir uns eine lustige Strickpuppe und einen bunten Strickring aus, was als kleines Mitbringsel für das Enkelkind meines Cousins aus Tebea gedacht war.

In der Kirchgasse Haus Nr 145 wohnt Familie Luminita Lascu. Von hier hatten wir uns bereits mehrmals Büffelmilch und Büffelrahm bringen lassen. Ein frisches Bauernbrot mit Büffelrahm und köstlicher Kirchmarmelade von Mariana Purghel Haus Nr. 73 aus dem Burgcaffe hinter der Burg ist für mich ein Hochgenuss. Dazu eine Tasse von der warmen Büffelmilch und mein Tag ist gerettet. Bei Frau Luminita Lascu kauften wir diesmal ein Pfund Büffelkäse, tja man darf sagen ein riesengroßes Stück Mozzarella.

Im Haus Nr. 132 wohnt Martin Teutsch. Er empfing uns freundlich und verkaufte uns Gläser vom bestem Wiesenhonig, den wir allerdings schon kannten, da wir bei Frau Mariana Purghel im Burgcaffe uns bereits zwei Gläser besorgt hatten.

Im Haus Nr 137 wohnt Familie Adam Cornel (Praid). Ein Schild am Tor hatte schon Tage zuvor unsere Aufmerksamkeit geweckt. Hier kauften wir ein warmes frisches Bauernbrot, wie wir es ja alle aus alten Zeiten kennen und bestellten für den nächsten Samstag zum Caffee uns eine ganze Hanklich. Als Frau Adam erfuhr, dass wir zu dem „KatiHof“ gehören, erzählte sie begeistert, dass sie die Schwiegereltern gut kannte und von der Schwiegermutter das Stricken gelernt habe und sich einen Pullover gestrickt habe. Zwar gab es dafür keinen Rabatt auf unseren Einkauf aber das nette Plaudern tat allen gut.

Während diesem gesamten Einkaufspaziergang durch Deutsch-Weißkirch nieselte es leise. Der lang ersehnte Regen setze ein und alle freuten sich. Die Erde war nämlich steinhart nach der langen Hitze. Wir beeilten uns heimwärts, denn der Hunger nach den herrlichen Speisen aus unserem Rucksack hatte sich angekündigt. Auf ein Foto von diesen Köstlichkeiten, die auf unserem Abendteller landeten verzichte ich aus Rücksicht auf euch. Zu beneiden waren wir allemal. Dazu denke man sich noch die herrlichen roten Tomaten aus Elenas Gärtchen und ein Gläschen kaltgestellten Rotwein vor. Uns ging’s an dem Abend einfach gut.

Ein verlängertes Wochenende im Sommerurlaub 2021

Da Johanns Flügel eine große Reparatur bevorstand und eine Weile nicht bespielbar war, beschlossen wir, ein verlängertes Wochenende in unseren beiden beliebtesten Städten aus der alten Heimat nämlich Hermannstadt und Kronstadt zu verbringen. Wir beabsichtigten die Städte auch mal von anderer Seite zu erkunden und in ihre aktuellen Geschehnisse einzutauchen. Es hat sich gelohnt, denn wir fanden die Zeit in Hermannstadt mal wieder im Bruckenthal Museum die laufende Ausstellung und auch die Dauerausstellung genauer anzuschauen. Wir hatten bei der Hitze große Freude beim Spaziergang über das Gelände des Freilandmuseums „Astra“ hinter dem Erlenpark.

Auch in Kronstadt fanden wir viel Zeit mal entspannt im Schatten der alten Bäume hinter den Mauern hoch zum Rathausplatz zu laufen und bei Nacht durch die quick-lebendige Stadt herum zu wandeln. Immer wird es sicher nicht so lustig in Hermannstadt als auch in Kronstadt zugehen, wie an diesen Abenden, denn beide Städte standen zu Ehren der Heiligen Maria in Festtags-Stimmung. Allen großen Konzertdarbietungen für Jung und Alt konnten und wollten wir uns nicht entziehen. Ein besonders ruhiges Plätzchen, welches ich dann doch brauchte, fand ich weit vom großen Trubel am Rathausplatz, in der Purzengasse und in all den vielen Gässchen und Seitenstraßen dann im Vorgarten vom Hotel Carpati, dem ARO. Soweit ich mich erinnern kann, gab es hier nie eine Möglichkeit für einen kleinen kühlen Umtrunk. Aber genau da saßen ein paar Leute und genau hin zog es mich. Hier setzte ich mich in aller Ruhe auf eine freie hell erleuchtete Bank hinter den goldenen Hirsch und nippte seelenruhig an meinem Gläschen Sekt. Meine Gedanken kreisten um „meine guten alten Zeiten“ und träumen soll man auch in höherem Alter.

Eine besondere Überraschung erwartete uns am Tag danach in Heldsdorf auf dem Friedhof. Im letzten Sommer, hatten wir es nicht geschafft, zu Vaters Grabstelle zu kommen. Viel zu viel war in Deutsch-Weißkirch los und auch das Herumreisen in den damaligen pandemischen Zeiten war zu gefährlich. Nun aber war es so weit. Ich holte mir den Schlüssel von gegenüber und wir traten, wie schon so oft in den vergangenen Jahren auf das Friedhofgelände. Ein Blick nach rechts und die bereits aus dem vorletzten Sommer große Rasenfläche und den Blumenrondells stand unverändert da. Ein Blick nach links und ein ungewohntes aber durchaus erfreuliches Bild mit ebensolch einer großen grünen Rasenfläche und den Blumenrondells tat sich auf. Hier musste ich einen Weile stehen bleiben und alles auf mich einwirken lasen. Auch wenn es so aufgeräumt und beeindruckend aussieht, ist es ungewohnt, die vertrauten Grabstätten nicht mehr da zu sehen. Während dem Rundgang, der für uns wir immer an den Gruften rechts vorbei beginnt und dann im grossen Bogen über den gesamten Friedhof führt bis hin zu dem neuen Teil des Friedhofs, wo unsere Familiengrabstätte ist, blieben wir mit Johann immer wieder andächtig stehen, ab und zu erzählten wir über bekannte Verstorbene uns dies und das. So kenne ich das aus meiner Kind- und Jugendzeit, als wir am Totensonntag an den geschmückten Gräbern vorbeiging und an dem einen oder anderen Grab besonders andächtig stehen blieben. Für Johann ist unser Heldsdorfer Friedhof auch ein vertrauter Platz. Schon als kleiner Junge ging er mit meiner Mutter und seiner Großmutter oft über diesen Friedhof und half beim Begießen der Familiengrabstätte. Bevor wir auf den neuen Teil des Friedhofs kamen, warfen wir einen Blick zurück. Es sah wirklich schön aus, auch wenn das Blumenmeer aus vergangenen Zeiten fehlt.

Auf dem neuen Friedhof dann aber erstmals wirklich ein Schock. Auch da war alles aufgeräumt aber der Grabstein meines Vaters war weg. Zwischen den abgestellten Grabsteinen gleich rechts hinter der Mauer fanden wir ihn nicht. Wir waren erst sehr betroffen und wollten wieder gehen, als wir ihn dann doch im Schatten der Tannen an der Wand drüben erblickten. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Wir eilten hin. Er war ganz, aber er stand ungewohnt hoch auf der Erde auf einem Sockel. Erstaunt sahen wir uns an. Beiden schien der Stein sehr wichtig zu sein.

Ich konnte meine Tränen kaum zurückhalten. Erst waren wir sprachlos und sahen uns etwas betroffen an. Dann aber nach kurzem Besinnen, konnten wir uns mit der neuen Lage anfreunden. Es sind nun 42 Jahre vergangen, dass Vater da in der Erde ruht und neben ihm seine Schwägerin Olga und die Nichte, meine Patin. Ja. Der Stein steht felsenfest da, auch wenn nicht mehr am gewohnten Platz. Es wurde uns schlagartig klar, dass da nun nichts mehr zu verändern ist. Kein Blümchen oder Strauch muss mehr gepflanzt werden, welches schon in Kürze verwelkt. Ein Blumenstrauß kann allerdings immer wieder vorbeigebracht werden. Also war auch am neuen Teil des Friedhofs von „höherer“ Stelle aus mitgedacht worden. Eigentlich alles gut. Mein schlechtes Gewissen der Grabstätte meines Vaters gegenüber schwand langsam und ich fühlte mich nicht alleingelassen. Es stellte sich ein Gefühl der Dankbarkeit ein, denen gegenüber, die an unserem Heldsdörfer Friedhof einen wunderschönen und sehr ansehnlichen aber auch würdevollen Ort für alle hier am Friedhof beerdigten Heldsdörfer und Heldsdörferinnen geschaffen haben. Es bleibt immer noch viel Arbeit, die hier geleistet werden muss, damit die Blumenrondells und der Rasen als auch die Gruften in Ordnung bleiben. Die nicht zu bewältigende Arbeit, die bisher geleistet werden musste, gehört der Vergangenheit an. Ich bedanke mich sehr herzlich bei alle die mitgedacht, mutgeplant und vor allem mitgearbeitet haben und werde mich mit einer kleinen Spende für diese vollbrachte große Leistung kenntlich zeigen. Noch nie verließ Johann und ich den Heldsdorfer Friedhof so beseelt und zufrieden. Der Abend in Kronstadt im Ceasul Rau in der Nähe unseres Hotels bot neben den kulinarischen rumänischen Spezialitäten den passenden Ort, um das bewegende Tageserlebnis am Friedhof in aller Ruhe zu verarbeiten. In Deutsch-Weißkirch zurück folgten noch einige Tage der Erholung und Freude.

Diesen Spruch fand ich schon oft an Häusern verewigt. Jedesmal brachte er mich zum Nachdenken. Heute schätze ich seinen tiefen Inhalt mehr denn je. Vielleicht pinsele ich ihn eines Tages an den Giebel:

„Dieses Haus ist mein und doch nicht mein. Der vor mir, dachte auch, es wäre sein. Er zog aus. Ich zog ein. Nach meinem Tod wird es wieder so sein.“

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Roselinde Markel wurde in Heldsdorf bei Kronstadt geboren. Sie arbeitete als Grundschullehrerin und hat eine Leidenschaft für Literatur.

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Roselinde Markel

Roselinde Markel

Roselinde Markel wurde in Heldsdorf bei Kronstadt geboren. Sie arbeitete als Grundschullehrerin und hat eine Leidenschaft für Literatur.